Potpourri

Schule? Na, da muss man halt durch. Oder?!?

Richtig! Oder vielleicht auch nicht?
Diese Frage stellte sich auch Sandra Hermes aus Prüm in Rheinland-Pfalz letztes Jahr, als sie und ihr Mann sich langsam Gedanken um die Einschulung ihres Sohnes machen mussten.

Warum sie dann am Ende selbst eine Schule gründete, welches Ziel dahinter steckt und wie die Rückmeldung der Eltern und Kinder seit dem Schulbeginn vor drei Wochen ist, erfährst du hier…

Gerne kannst du dir auf der Homepage der freien Montessori-Schule Bitburg-Prüm und auf der entsprechenden Facebook Seite auch noch ein weiteres Bild verschaffen.


Hallo liebe Sandra und danke, dass du dir so kurzfristig Zeit für dieses Interview genommen hast. 🙂

Die Frage, die wahrscheinlich jedem als erstes in den Sinn kommt: Wie kommt man darauf eine Schule zu gründen?

Das ist eine gute Frage (lacht).
Die Idee kam eigentlich, weil ich durch meine berufliche Tätigkeit als Versicherungsmaklerin schon mit hunderten Menschen zum Thema „Schule“ gesprochen hab. Darunter waren sozusagen Beteiligte aus allen Bereichen: Natürlich Eltern, auch Kinder, Lehrer, Kindergarten-Leitungen usw. Insbesondere von Lehrern habe ich dabei viel erfahren, die mir viel Einblick hinter die Kulissen gegeben haben.
Danach habe ich mich immer mehr informiert; über freie Schulen, Montessori-Pädagogik, Waldorf und dachte mir: „Eine freie Montessori Schule, die wäre perfekt für meine Kinder. Schauen wir mal wo die nächste ist…“ das war in der Eifel, im am wenigsten besiedelten Landkreis von Rheinland-Pfalz, natürlich schwierig. (schmunzelt).
In Trier wäre die nächste gewesen, das sind über 80km, ein Weg. Die Kinder jeden Tag dorthin zu fahren, wäre einfach nicht praktikabel und so kam dann eben der Entschluss, dass wir eine eigene Schule gründen. Erst hatten wir überlegt diese in Prüm ins Leben zu rufen, aber da hier die Gebäude alle anderweitig gebraucht werden, haben wir eine tolle Möglichkeit in Bitburg gefunden und schlussendlich eine Schule in Bitburg gegründet.
Einfach aus der Motivation heraus, dass wir versuchen möchten, dass unsere Kinder glücklich aufwachsen und nicht in ein System gesteckt werden, das nicht unserer Erziehung und unserer Einstellung dem Kind gegenüber und der kindlichen Entwicklung entspricht.

Warum eine Montessori-Schule?

Wir haben uns über verschiedene Schulformen informiert,
unter anderem die rein demokratische Schule (auch „freie Schule“), Jenaplan-Konzept, Waldorf, Montessori,….
Die Entscheidung fiel am Ende auf die Montessori-Pädagogik, da die Hirnwissenschaft schon seit längerem Beweise erbringt, dass die Montessori-Methode dem Gehirn sozusagen am meisten gerecht wird, also das Gehirn mit dieser Methode am effektivsten lernt.
So, wie wir ja auch keinen Wasserkocher als Eismaschine benutzen würden, sondern versuchen, das Gerät auf dem möglichst besten Weg zu nutzen, so sollten wir auch versuchen under Gehirn auf dem möglichst effektivsten Weg zu nutzen.

Sandra Hermes bei der Schuleröffnungsfeier

Wie war deine eigene Erfahrung mit Schule und was bedeutet für dich „glückliche Schulzeit“?

Meine eigene Erfahrung mit Schule, insbesondere die Grundschulzeit, war gut.
Ich hatte zum Glück einen ganz herzlichen Grundschullehrer dem viel daran lag,
dass wir Kinder viel lernen und uns gut entwickeln.
Ab der weiterführenden Schule war Schule schon oft belastend, weil man einfach so viel Zeit dafür hergegeben hat.
Da war die Kindheit irgendwie gefühlt, ganz schnell vorbei.
Ich musste immer morgens um 6.30Uhr aus dem Haus und kam nachmittags gegen 15Uhr nach Hause, in der Oberstufe häufig erst gegen 18Uhr. Danach musste ja noch für alle Fächer, die man an dem Tag hatte, Hausaufgaben gemacht werden, Referate vorbereitet werden, für Tests oder Arbeiten gelernt werden.
Ab dem Moment war die Kindheit zuende und ich konnte ab dem Zeitpunkt wenig für mich machen, mich persönlich weiterentwickeln war halt schwierig, weil man eigentlich die ganze Zeit mit anderen Sachen beschäftigt war, die man dann für den Lehrer erfüllen musste.
Die Schulzeit bestand somit oft aus 12-14 Stunden – da würde ja jede Gewerkschaft Alarm schlagen, wenn da Kinder oder auch einfach Arbeiter, täglich so lange arbeiten müssten.
Und ich finde es schwierig, dass Kinder da keine Lobby und keine Gewerkschaft haben und diese oft dann bis zu 12 Stunden mit Schule beschäftigt sind.
Da wird den Kindern einfach auch zu viel Last und zu viel Leistungsdruck auferlegt, meiner Meinung nach.

Man muss Kinder auch nicht immer zwingen, denn die Kinder wollen ja lernen.
Man muss ja auch kein Kind zwingen sprechen oder laufen zu lernen.
Ein Kind will lernen und wenn es bspw. unbedingt nach Amerika möchte, dann lernt das Kind auch die englische Sprache, weil einfach die Motivation von innen heraus da ist und dann geht das ohne Zwang und Druck. Mit der eigenen, inneren Motivation lernt es sich einfach leichter, so wie es sein sollte.

Hast du in deiner Jugend das System Schule schon hinterfragt?

Nein, in meiner Schulzeit hab ich nie darüber nachgedacht, ob das überhaupt sein muss, weil es einfach so ist wie es ist, das war so gegeben und das war Gesetz: Man muss zur Schule.
Ich hab das nie in Frage gestellt und angezweifelt.

Das fing erst an, als ich eigene Kinder hatte und gesehen hab, dass sie nicht permanent im Kindergarten sein wollen, sondern auch mal zu Hause und auch zu Hause so viel lernen, zum Beispiel den Umgang miteinander.
Da hab ich halt angefangen zu überlegen, ob das alles sein muss, oder ob das nicht vielleicht zu viel des Guten ist, für die Kinder?
Vorher, als Kind, war ich einfach so in diesem Leistungsgedanken gefangen und hab dann einfach funktioniert.

Wie bist du mit den Schwierigkeiten während der Schulgründung umgegangen? Gab es einen Moment, wo du aufgeben wolltest? Und wenn ja, wie hast du diesen überwunden oder was hat dir geholfen?

„Ich hatte immer die klare Vision von einer wunderschönen und herzlichen Schuleröffnungsfeier vor Augen, und sah schon die glücklichen tollen Kinder durch die Flure laufen.
Das hat mich so motiviert, dass ich immer an die Schule geglaubt habe und alles lösen konnte, was so auf dem Weg lag.

Gründer, Lehrer, pädagogische Kräfte, Spender und ehrenamtliche Unterstützer feiern die Eröffnung der Schule

Wie ist die Rückmeldung der Eltern und der Kinder die nun bald ihre ersten Schulwochen erlebt haben?

Die Rückmeldung der Kinder und Eltern ist wunderbar.
Am ersten Schultag erzählte mir eine Mama, dass sie am Morgen vor Freude geweint hat:
Ihr Kind, dass jetzt bei uns ins 2. Schuljahr kommt, hat ein Jahr panische Angst vor der Schule gehabt. Es hatte Panikattacken, hat getreten, geschlagen, geschrien und musste schon fast wörtlich in die Schule geschliffen werden.
Ihr Kind war nun schon öfter im Vorfeld bei uns und kannte nun schon ein paar andere Kinder und Lehrer und ist dann Montag Morgen um 6 Uhr, viel zu früh, aufgestanden und wollte in die Schule laufen und musste dann aber noch anderthalb Stunden warten, bis es endlich los durfte. Da war die Mama einfach so glücklich, dass ihr Kind wieder gerne zur Schule geht, gerne lernt und selbst merkt, dass es ein schlaues Kind ist und keine Angst haben braucht.
Auch die anderen Eltern waren sehr von der Schuleröffnungsfeier gerührt und melden uns viel zurück, dass sie froh sind, dass sie so eine besondere Schule haben, deren Team so daran interessiert ist, dass die Kinder glücklich sind.
Gestern, am Freitag, kam ein Schüler zu mir und fragte mich:“ Wie heißt du nochmal?“ „Ich bin die Sandra.“, antwortete ich. Da sagte der Junge ganz süß: „ich muss dir unbedingt noch etwas sagen: ich muss dir sagen, dass das hier die schönste Schule der Welt ist.“

Das sind natürlich die schönsten Rückmeldungen und ich denke, für den Start haben wir erst mal alle Ziele erreicht und so kann es weiter gehen.“ 🙂

die Kinder der 1. und 2. Klasse werden gefeiert

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

Wir haben große Pläne. Wir wollen auf jeden Fall ab 2024 eine weiterführende Schule werden, am liebsten mit Gymnasium, wo die Kinder dann bis zum Abitur bei uns bleiben dürfen und dann nur die Prüfung an einer anderen Schule stattfindet.
So können Sie eben 12 Jahre bei uns Ihre Schulzeit glücklich erleben.

Wir haben auch mit Blick auf das Gebäude noch große Pläne. Und zwar wollen wir in eine alte amerikanische Housing umziehen. Dort gibt es eine große Highschool, die wir komplett renovieren werden, mit einem riesigen Areal, mit vielen Grünflächen, Sportbereich, großem Gebäude wo wir uns so richtig entfalten können.

Also ich bin sehr glücklich über den gelungenen Start und denke wir können alle zufrieden sein und gehen super motiviert in die Zukunft.

Wir wünschen Dir, liebe Sandra und deinem tollen Team auf eurem Weg von Herzen alles Gute


Anmerkung von uns:
Da die Schule erst ab dem Jahr 2024 von der Landesregierung Rheinland-Pfalz bezuschusst wird,
wird die Schule in den ersten Jahren durch die Unterstützer und Spender des Vereins „Freie Montessori-Schule Bitburg-Prüm e.V.“ und durch monatliche Elternbeiträge finanziert.
Die monatlichen Zuwendungen der Eltern werden einkommensabhängig festgelegt, um dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit zu entsprechen.
Gerne können Sie (auch nur stundenweise) in der Schule mitwirken, die Kinder unterstützen und ihnen etwas vom Leben mitgeben.
Die Schule und ihre Schüler würden sich somit sicher über jede noch so kleine Unterstützung freuen.

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